Die Leiden des jungen Läufers Timo

Ich bin wieder zu Hause. Und habe versprochen, dass ich aufkläre, was mit mir los ist.

Geben wir der Sache erst einmal einen Namen. Ich weiß nicht wie lange, aber sicherlich seit 2003-2004 habe ich Hämorrhoiden! Ja genau. Niemand spricht darüber, obwohl jeder zweite (!!) über 30 mindestens einmal im Leben darunter leidet. Und wie wir in unserem Leben mit uns umgehen, kein Wunder. Mangelnde Bewegung und die „passende“ Ernährung dazu! Und da so viele darunter leiden, wundert es mich doch immer, dass man gerade in der Läufercommunity so wenig darüber liest! Oder die Artikel verbergen sich gut 😉

Doch was verbirgt sich hinter diesem Wort. Es kommt aus dem Griechischen und beutet nichts anderes als „Blutfluss“. Die Hämorrhoiden bilden im Übergang von Enddarm und Analkanal ein dichtes Gefäßpolster, das als Schwellkörper dient. Und hat sogar eine sinnvolle Aufgabe – den Darm nach außen hin abzudichten! Doch erst bei einem Hämorrhoidalleiden wird es unangenehm: Jucken, Brennen, Schmerzen oder auch Nässen sind unter anderem die Folgen.

Und glaubt mir, es ist unangenehm. Man schämt sich förmlich dafür und redet nicht darüber und fühlt sich unwohl. 2005 habe ich sie mir beim Internisten „abbinden“ lassen, doch sie kamen schnell wieder. Und es wurde schlimmer. Häufiges Bluten nach dem Stuhlgang, oder einfach blutige Spuren in der Unterwäsche. Eines Tages war es beim Feiern – ich war bei Freunden in Berlin – so schlimm, dass es komplett bis auf die Hose durchblutete und ich es erst daheim merkte. Peinlich! Die ganze Hose war rot und ich lief so rum und hatte Schmerzen. Seit dem trage ich keine hellen Hosen mehr!

Beim Sitzen, beim Liegen, durchgehend. Ich sprang über meinen Schatten und erzählte es meinen Freunden und es war nicht schlimm. Sie hörten mir zu und verstanden natürlich mein Problem! Man wird dadurch so eingeschränkt. Man steckt automatisch Klopapier ein, man prüft ständig nach, ob es blutet. Wird verunsichert. Ob bei der Arbeit oder beim Fortgehen. Es belastet einen ununterbrochen. Ob es der Druck ist, der Schmerz durch den Druck, das Unwohlsein, das Nässen, das Bluten … Es schränkte mich bei meinen Läufen ein, eigentlich bei allen Aktivitäten. Viele fragten sich auch immer, wieso geht der Timo so häufig aufs Klo. Oft war es nur eine Kontrolle – eine Kontrolle für mich. Und um Sicherheit zu gewinnen und nicht weil ich „musste“. Oft war auch wirklich nichts. Ich musste durch das Leiden oft auch auf Aktivitäten und das Fortgehen verzichten, weil es mir einfach nicht gut ging. Aber ich sagte deshalb nie was! Erbärmlich, oder? Und obwohl es mich so beschäftigte, tat ich auch nichts groß dagegen. Klar, ich war immer mal beim Arzt. Ich besorgte mir Salbe. Aber das linderte es immer nur leicht. Auch als ich meine Frau das erste Mal in Ulm besuchte und wir spazieren gingen, war es extrem schlimm und blutete durch. Aber ich schwieg und fühlte mich das ganze Wochenende unwohl. Paar Wochen später erzählte ich ihr davon und es war für mich eine Riesenerleichterung und erneut nicht schlimm. Daher, wieso ist dieses Thema uns so unangenehm? Wieso redet man nicht einfach darüber? Wieso quält man sich damit so sehr, wo es schon an sich eine Qual ist? Fragen über Fragen. Vor allem das geht auch auf die Psyche!

Wieso ich nicht schon früher was gemacht habe? Ganz einfach – da es bei dem ersten Eingriff schon nicht von Erfolg gekrönt war und der Eingriff tierisch weh tat, dachte ich mir – dann halte ich es lieber so aus. Es gab ja auch durchaus viele Tage, da war es total cool. Deshalb denkt man immer wieder, das bekomm ich in den Griff!

Aber es hat mit so vielen Faktoren zu tun – weshalb sie sich bilden bzw. sie wachsen und wachsen. Zum einen sind sie genetisch bedingt. Schlechte Gene machen auch hier etwas aus. Aber bei den größten Faktoren sind wir selber schuld. Wir bewegen uns zu wenig, wir trinken zu wenig (oder das Falsche) und essen zu viel Müll.

Dabei ist es so simpel. Gerade bei „uns“ Büroarbeiter: wir sitzen, trinken Kaffee, sitzen, trinken Kaffee und zur Mittagspause bewegt man sich gerade so weit, bis man beim Essen ist und sitzt danach wieder. Und das geht auf Dauer nicht gut. Das geht in den Rücken. Das geht auf die Hüfte und erst recht ein Nährboden für die Hämorrhoiden!

Und so war das all die Jahre bei mir. Und nach jedem Toilettengang stand immer das Risiko, heute wird es gut, oder eben richtig schlimm. Manchmal nässte es nur ein wenig und gut ist. Dann beruhigte es sich schnell. Aber dann gab es Tage, da tat es richtig weh sich hinzusetzen. Oder auch einfach zu liegen. Nach einigen Stunden (!!) ging es wieder.

Ich habe mir fürs Büro, dann so einen tollen Sitzkringel gekauft. Aber auch da kommt man sich erst mal blöd vor, da dies natürlich Fragen bei den Kolleg*innen aufwirft! Nun gut, man konnte sich da immer irgendwie rausreden, ohne auf das tatsächliche Thema zu gehen.

Aber wieso störte es so beim Laufen? Bzw. was störte mich?

  1. Das Nässen oder alternativ das Bluten
  2. Der Druck / Schmerz
  3. Durch das Laufen hüpft der Beckenboden und das Gewebe wird dadurch noch mehr beansprucht / herausgedrückt.

Es gab Wettkämpfe, da war ich zum einen übersäuert (noch so ein Thema) und zum anderen hatte ich mit dem Problem zu Kämpfen. Geile Kombination! Während des Laufes ging es meistens, danach das Ergebnis .. nun ja, sprechen wir nicht drüber. Aber auch während den Läufen hat es mich gehemmt, Vollgas zu geben. Daher trag ich auch immer nur schwarze Lauf-/Trainingshosen 😉

Aber was kann ich euch bei diesem Thema nun mitgeben? Zum einen, redet offen mit euren vertrauten Personen. Es ist gar nicht so schlimm. Wie gesagt, das Problem haben echt viele und man muss sich hier nicht schämen!

Und danach, geht unbedingt zum Arzt! Lasst es prüfen! Und lasst euch Vorschläge machen, welche Lösungen sich hierfür anbieten. Ansonsten? Hier ein paar wenige Tipps:

  1. Bewegt euch viel. Geht viel Spazieren, Schwimmen oder macht Yoga! Hauptsache bewegen! 2.
  2. Trinkt wenig Alkohol und weniger Kaffee! 😉
  3. Aber auch die Reinigung der Stelle ist enorm wichtig, daher immer beim Duschen dran denken, dass auch für die Hygiene an dieser Stelle gesorgt ist.
  4. Und auch der Schließmuskel an sich kann man trainieren! 😉 Presse den Schließmuskel zusammen und zählt bis 10 und wiederholt das 30-40x.
  5. Unterwäsche – achtet darauf, dass sie aus 100% Baumwolle besteht!
  6. Wenn ihr aufs Klo müsst, GEHT! Nicht herauszögern! Und noch wichtiger: nicht aktiv pressen! Kleiner Tipp: nehmt euch einen kleinen Hocker und stellt Eure Füße drauf – das hilft die natürliche Haltung auf der Toilette einzunehmen! Und bleibt nicht zu lange sitzen – nur solange wie nötig!
  7. Und letztendlich: die Ernährung! Es ist und bleibt das A und O in unserem Leben. Früher habe ich das Thema total unterschätzt und null beachtet. Irgendwann lebte ich es etwas bewusster, aber ganz klar, es gibt immer noch Ausreißer! Aber sie sollten die Ausnahme bleiben! Allein über dieses Thema könnte man ein ganzes Buch schreiben. Ein wichtiger Punkt findet ihr unter 2.) – ansonsten viel Wasser trinken und wenig(er) Zucker! Viel Gemüse und Obst und man hat schon viel für sich getan!

Doch was habe ich nun getan? Ich erlebte den Tag an dem ich sagte, ES REICHT MIR! Also ging ich im Februar in eine Spezialklinik hier im Landkreis. Dort ließ ich mich untersuchen und man stellte fest, nicht die Hämorrhoiden machen mir zu schaffen, sondern ein Polyp! Dieser ist außerhalb und drückt auf die Hämorrhoiden. Daher ist es oft auch so schmerzhaft und er kann gut- oder bösartig sein, daher er muss unbedingt weg. Dazu müsste ich mich einer OP unterziehen und für 2-3 Tage ins Krankenhaus. Ich überlegte und machte schließlich für Mitte Mai einen Termin aus. Nach den Wettkämpfen und wichtigen Geburtstagen. Denn 1-2 Wochen werde ich sicherlich keinen Sport machen dürfen. Dann kam Corona dazwischen und es war nicht sicher, ob die OP nun überhaupt stattfindet. Aber ich hatte Glück.

Am 18.05.2020 ging es zur Voruntersuchung und ich wurde von den Anästhesisten und Chirurgen über Risiken und den eigentlichen Eingriff aufgeklärt. Und am 19.05.2020 ging es für mich um 7:00 Uhr in die Klinik. Zuerst bei Betreten wird das Fieber gemessen, ab auf die Station. Zimmer zugeteilt bekommen. Die tolle KH-Unterhose in Netzoptik und das KH-Hemdchen angezogen und gewartet. Irgendwann kam die Visite, geht bald los. Eine Schwester meinte, im Laufe des Vormittags. Gut – kein Problem, seit gestern Abend auf den nüchternen Magen geachtet. Gegen 14:00 Uhr wurde ich dann abgeholt 😀 Yeah, ausgetrocknet wie eine alte Zitrone. Ich wurde dann mit meinem Bettchen ein paar Gänge und Etagen herumgefahren und kam in die Nähe des Aufwachraumes. Dort bekam ich dann den Zugang gelegt und eine Infusion und wartete wieder, bis ich ne halbe Stunde später in den Narkoseraum kam. Dort wurde ich noch mal kurz informiert, dass ich mich locker hinsetzen soll, nach vorne gebeugt und dann kam die lokale Betäubung in den Rücken. Puh! Ich habe echt nichts gegen Spritzen, aber in den Rücken, das ist übel. Und dann kam die lange Spritze dran. Für die Beschreibung der Spinalkanalanästhesie verweise ich auf folgende Quellen (siehe auch https://www.apotheken-umschau.de/Spinalanaesthesie bzw. https://www.praktischarzt.de/behandlung/spinalanaesthesie/). Leider kam es bei mir nicht so gut an. Erst zappelte mein komplettes rechtes Bein und dann kollabierte ich und hatte kurzzeitig Herzstillstand. Das ist definitiv nicht normal gewesen. Und ich sah dann nur noch meine Eltern und auf einmal die Hand eines Arztes. Und ich wusste nicht, wo ich grad bin. Und dachte ich träume. Mein ganzer Körper war heiß und brannte förmlich und ich konnte kaum Atmen. Irgendwann realisierte und erinnerte ich mich wieder, dass ich ja im Krankenhaus bin. Dann hörte ich auch die Fragen des Arztes, der wissen wollte, wie viele Finger ich sehe, wie ich heiße und das ich doch was Lustiges erzählen sollte. Mir fiel das Atmen extrem schwer. Und das Reden erst recht. Ich schaute nach rechts und sah, dass mein Puls bei 40 (!) ist. Wow. Nicht viel. Sie telefonierten hektisch und irgendwann tauchte der Oberarzt auf. Sie spritzten mir Adrenalin und Schwups bekam ich wieder Farbe und einen Puls um die 70. Ich konnte atmen und das brennen hörte auf. WTF. Was war hier los? Was ging schief? Nachdem ich wieder normal reden konnte, bekam ich die Atemmaske auf und wir entschieden uns für die normale Vollnarkose und ich wurde immer müder … paar Stunden später wachte ich im Aufwachraum auf und fühlte mich gut. Puh, alles überstanden. Ich kam zurück auf mein Zimmer und versuchte mich von diesem aufregenden Tag zu erholen! Aber es zwickte ganz schön an der Stelle 😉 Der Polyp wurde weggeschnitten und die Hämorrhoiden mittels einer HAL (Hämorrhoiden Arterien Ligatur -> weitere Informationen hierzu https://www.internisten-im-netz.de/krankheiten/haemorrhoiden/behandlung-bei-haemorrhoiden/) behandelt.

Nun heißt es abwarten und heilen lassen. Und dies bedeutet mindestens eine wenn nicht sogar zwei Wochen Sport- und Laufpause. Gut, es musste ja sein und da ich im Moment topfit bin und es auch keine Wettkämpfe gibt, kann ich die Pause meinem Körper durchaus gönnen! Schadet ja nicht 😉 Meine Füße, Fußzehen, Sehnen, Knochen und Muskeln freuen sich! Sie können mal durchschnaufen! 😉 Hat auch was! Aber die erste Nacht war nicht ohne und für ein paar Tage werden mich Schmerzmittel begleiten. Sitzen, stehen und liegen sind zurzeit auch nicht so meine Favoriten. Ich habe versucht mal zwei (!) Schritte zu rennen – und merkte sofort wie es im Beckenboden zieht. Wahnsinn was Gehen zu Laufen für einen Unterschied im Körper ausmacht. Total verrückt. Spazieren gehen kann ich ohne Probleme, aber eine Laufbewegung und es zieht im ganzen Körper. Da merkt man, was hier alles zusammenspielt und welch Kräfte ich bei meinen Läufen meinen „Problemen“ hinzugefügt habe. Ich warte nun natürlich, dass alles in Ruhe ausheilt, übe mich in Geduld und werde bald wieder meine Laufschuhe schnürren und ohne diese Probleme laufen können. Ich bin gespannt, wie es sich anfühlen wird! Welch Änderungen es mit sich bringt und wie meine Lebensqualität wieder steigen wird!

Daher: bewegt euch viel, trinkt viel Wasser und ernährt euch zu großen Teilen gesund und genießt das unbeschwerte Leben 😉

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